„Betreten verboten“

Interview mit Nana Petzet zur Idee der Freien Flusszone und über ihr Projekt Im Peutegrund im Hamburger Hafen
Das Interview wurde im Oktober 2019 geführt.


Till Krause: Warum hast du bei der Freien Flusszone mitgemacht?

Nana Petzet: Die Freie Flusszone ist interessant für mich. Da geht es um Grundsätzliches, an dem ich schon lange arbeite, darum, ob wir immer alles Land nutzen müssen, und darum, wie wir intensiv genutzten und stark regulierten Naturräumen wieder eine eigendynamische Entwicklung zugestehen können. Berührungspunkte sehe ich vor allem mit meinem Projekt Im Peutegrund, an dem ich von 2008 bis 2011 gearbeitet habe. Die Peute befindet sich ja auch auf der Elbinsel [wie große Teile der Freien Flusszone], aber auf der entgegengesetzten, nördlichen Seite, an der Norderelbe. Schon 2008 bezog ich mich auf das Heuckenlock¹ und betrachtete es als „Referenzbiotop“ für mein weniger ursprüngliches Projektareal im Industriegebiet Peute. Mit der Freien Flusszone meinst du aber ja nicht nur das Naturschutzgebiet Heuckenlock, sondern ein viel größeres Gebiet.

TK: Ja, dazu gehören auch Straßen, Deiche, Dörfer, Agrarland, Kleingartensiedlungen, Autobahn, Tankschiffanleger, Sozialbausiedlung, Villen, Friedhof...
Nana-Petzet_Plakat_freie_Flusszone_Suederelbe

NP: Mich hat speziell das Heuckenlock interessiert, als ich über das Plakat für die Freie Flusszone nachdachte. Ich fand die Aufgabe aber nicht leicht, vor allem, weil ich ja meistens Projekte mache, die vielfältige Medien benutzen und unterschiedliche Experten einbeziehen und sich über lange Zeiträume entwickeln. Die Herausforderung für mich war: Wie sage ich alles in einem einzigen Bild?

TK: Die gemeinschaftliche Aktion, die zu diesem Bild führte, die Zusammenarbeit mit Experten und das Prozessuale, das in deiner Arbeit meistens eine so große Rolle spielt, hast du ja in aller Deutlichkeit zum Teil dieses „einzigen Bildes“ gemacht: In den Autorenschaften von allen, die maßgeblich zur Realisierung deines Plakates beigetragen haben – in den Beiträgen des Reptilienzüchters Florian Häselbarth, des Fotografen Helge Mundt und der GFLK –, siehst du einen solch wichtigen Stellenwert, dass du sie mitten im Bild in großen Buchstaben aufführst.

NP: Und wir haben ja auch zur Vorbereitung mehrere Begehungen der Freien Flusszone gemacht, mit Ravi Agarwal, mit Katja Lell und mit Friederike Richter*2. Diese Führungen waren so etwas wie eine Recherche mit Experten, die in meinen Arbeiten wichtig ist, und in diesem Fall bist du der Experte. Du kennst dort jeden Winkel. Da sind wir doch irgendwann auch unter Autobahnbrücken herumgekrochen. Und immer wieder die Beobachtungen: Wie ist das Ufer befestigt, kann sich der Fluss entfalten?

Wenn ich darüber nachdenke, erscheint es fast wie ein Wunder, dass dieses eine Bild entstanden ist. Das ist für mich etwas Spezielles, weil ich nicht so über das Plakat reden kann, wie ich beispielsweise über die Lichtfalle*3 rede, da es für mich nicht begrifflich aufschlüsselbar ist. Was bedeutet die Glashaube? Das kann ich nicht sagen. Die ist ja erst im Umgang mit den Krokodilen notwendig geworden, damit sie nicht in die kalte Elbe entwischen. Eigentlich wollte ich ja keine Haube – die ist aber super!

TK: Ich hatte eigentlich nicht vor, dich nach Erklärungen zu deinem Plakat zu fragen, weil es darum geht, mit eigenen Augen zu sehen, und nicht darum, eine Deutung vorgesetzt zu bekommen. Insofern mag ich es, dass du sagst, du könntest nicht alles im Plakat sprachlich begründen. Aber nun doch eine Frage zum Plakat, und zwar zur abgebildeten Landschaft. Du sagst, dass das Heuckenlock der eigentliche Bezugspunkt für dich war. Warum hast du aber das Bild nicht am Heuckenlock, sondern am Bade- und Grillstrand bei den Süderelbe-Brücken aufgenommen?

NP: Ich wollte, dass man sofort sieht, dass das Bild in Hamburg aufgenommen wurde. Die Brücke ist wichtig, um das zu erkennen. Hätte ich das Krokodil im Heuckenlock fotografiert, hätte man den Ort für irgendeine Wildnis gehalten, aber nicht Hamburg zugeordnet. Das Urwaldartige, das ich im Heuckenlock empfinde, steckt für mich sozusagen im Krokodil.

TK: Als letztes Wochenende Ulrich Kahle in unserem Freie-Flusszone-Raum im Bamberger Kunstverein*4 dein Plakat sah, erkannte er sofort die Brücke als die Süderelbe-Brücke. Als jemand, der nicht aus Hamburg kommt! Diese Brücke ist eine der wenigen Landmarken im Gebiet der Freien Flusszone, an denen deutlich sichtbar ist: Hier ist Hamburger Gebiet.

NP: Und doch ist es so, dass viele Hamburger das Gebiet nicht kennen. Und man kennt auch nicht unbedingt das Heuckenlock. Sogar Leute mit Interesse für Landschaft und Naturschutz haben häufig noch nie davon gehört, das ist verblüffend. Letztes Jahr gab’s eine Plakataktion der Stadt für die Hamburger Naturschutzgebiete. Über einem Foto vom Heuckenlock standen die Zeilen: „Amazonas Delta? Nein, Heuckenlock!“ Also, dieser Dschungel ist hier bei uns!

Am Heuckenlock finde ich interessant, dass es so ein „Rest“ ist. Und wie eingeschränkt es eigentlich ist. Es ist ja wirklich krass, wie es zwischen dem Deich und den befestigten Ufern eingezwängt liegt. Trotzdem, obwohl das Gebiet so winzig ist, kann man dort eintauchen und sich vorstellen, dass die ganze Elbinsel mal so ausgesehen hat [also auch die Stadtteile Wilhelmsburg und Veddel und der gesamte Hamburger Hafen]. Faszinierend!

TK: Hast du das Heuckenlock deshalb als Referenzfläche für das Projekt Im Peutegrund bezeichnet?

NP: Ja. Der Peutegrund wurde ja zunächst agrarisch und städtisch genutzt und dann durch Sturmfluten und Deichbruch für die Natur zurückgeholt. Dagegen nehme ich an, dass das Heuckenlock, zumindest anteilig, vielleicht noch nie genutzt wurde.

TK: Das ist ein weitverbreiteter Mythos, aber ich denke, es stimmt so nicht. Das Gebiet, so klein es ist, besteht doch aus ganz unterschiedlichen Arealen. Etwa die ausgedehnten Reetflächen, die früher bewirtschaftet wurden. Anwohner erzählten uns, sie hätten früher das Recht gehabt, dort das Reet für ihre Häuserdächer zu schneiden. Das ist ja auch eine Form von landwirtschaftlicher Nutzung. Oder folgt man dem Pfad, den man heute durch das bewaldete Gebiet gehen darf, so stößt man auf alte Obstbäume, Kopfweiden, künstliche Bodenwellen, Wegepflasterungen, Gräben und so weiter. Meines Erachtens ist es auf jeden Fall eine Kulturlandschaft, die aber wegen ihrer sperrigen Lage entlang einer Ländergrenze vergleichsweise wenig genutzt und zudem später nicht vollständig eingedeicht wurde und darum auch heute noch Aspekte des Tideauenwalds hat*5. Aber noch vor kurzer Zeit, vor nur 50 Jahren, hat man dort Ein- und Ausdeichungen vorgenommen und das, was heute als so wertvoll empfunden wird und was damals in noch viel ausgedehnterer Form vorhanden war, stark verkleinert*6.

Bitte erzähl doch mehr über das Peuteprojekt, denn es ist interessant für die Freie Flusszone und für das gesamte Hafengebiet.

NP: Ich wurde im Rahmen des Elbinsel Sommers 2008 der Internationalen Bauausstellung Hamburg eingeladen, einen Beitrag zur Ausstellung Kultur / Natur*7 zu entwickeln. Ich hatte freie Hand und konnte mir irgendein Thema, das mit Natur und Elbinsel zu tun hat, aussuchen. Durch Harald Köpke vom BUND [Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.] bin ich auf ein kleines Biotop im Industriegebiet Peute aufmerksam geworden. Dort ist es das einzige Stück Land, auf das die Tide einen gewissen Einfluss hat, obwohl es hinter dem Deich liegt. Ein bei der Hafenentwicklung übrig gebliebener Rest ursprünglichen Marschlandes, wild zugewuchert, mit einem flachen Teich in der Mitte. Ein sich seit den Siebzigern ungestört entwickelndes Biotop, klein, ungefähr 6,5 Hektar groß. Es ist HPA-Gelände – das war eine Auswahlbedingung für mich, da ich mich dafür interessierte, wie sich die gegensätzlichen Interessen von Hafen und Naturschutz in der Entwicklung einer konkreten Hafenbrache niederschlagen. Zunächst begann ich damit, Biodiversität und Geschichte des Peutegrunds zu erforschen.

TK: Aber es war doch, so wie es heute aussieht, nicht ein übrig gebliebener Rest feuchten Landes, sondern ein verschlicktes, ungenutztes Hafenbecken, die Verlängerung des nebenan liegenden Peutehafens?

NP: Nein, der Peutegrund ist meinen Informationen nach ein altes Marschland und schon seit dem 17. Jahrhundert eingedeicht. Zunächst wurde das Gelände agrarisch genutzt. Vom benachbarten Binnenschifffahrtshafen, dem Peutehafen, war es immer durch einen Deich getrennt. Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten sich Menschen, die nichts zum Wohnen hatten, dort auf dem Gelände Hütten. Ein basteliges Gebiet entstand, eine Mischung aus Kleingärten und Werkstätten. Zum Beispiel weiß ich von einer Schiffstischlerei. Bei der legendären Sturmflut von 1962 wurde der umliegende Deich zunächst überflutet, dann brach er – zwei Menschen starben im Peutegrund. Danach dachte man, das Gelände weiterhin als Nutzfläche erhalten zu können. Aber bei jeder folgenden großen Sturmflut stand die ganze Gegend unter Wasser. 1977, 78 schützte man die Umgebung des Peutegrunds durch eine Spundwand in Höhe der damals aktuellen Deichlinie von 7,3 Metern über Normalhöhennull. Den elbseitig am Peutegrund gelegenen Deich, den Peuter Elbdeich, erhöhte man ebenfalls und verbreiterte ihn, sodass er sich wie eine Landzunge bis zum Peutehafen zieht. Auf diesen Deich siedelte man die Betriebe vom Peutegrund um und ließ dort von nun an niemanden mehr arbeiten, wohnen oder gärtnern. Der Peutegrund war nun aus dem sturmflutgesicherten Gebiet ausgegrenzt, denn den niedrigen Deich zwischen ihm und Peutehafen erhöhte man nicht. Bei besonders hohen Sturmfluten wird er überspült. Man legte ein Entwässerungsrohr durch ihn hindurch, sodass Wasser bei Niedrigwasser ablaufen kann. Dieses Rohr ist mit einer Rückstauklappe versehen, damit die normalen Hochwasser nicht in den Peutegrund eindringen können. Seit damals hat die Eigentümerin Strom und Hafenbau, die heutige HPA, nichts mehr dort gemacht. Das ist eine lange Zeit, sodass von ganz allein ein Biotop im Peutegrund entstand. Für die HPA war es aber nur eine graue Fläche auf der Landkarte, die man sich dafür vorbehielt, sie zukünftig zu bebauen oder in anderer Weise für den Hafen zu nutzen.

TK: Aber hattest du nicht bei deinen Erkundungen entdeckt, dass die Rückstauklappe im Entwässerungsrohr defekt ist und die Flut in den Peutegrund eindringt?

NP: Ja. Und Elisabeth Essen, die seit den Fünfzigerjahren auf und neben dem Peutegrund lebt, erzählte mir, dass irgendjemand das Ventil im Rohr zerstört hätte, damit die Flut den Teich im Peutegrund speisen und man dort im Winter Schlittschuh laufen und Eisstock schießen kann. Damit war das Gebiet also in geringem Maße der Tide ausgesetzt. Dieser Umstand rückt es näher an die Bedingungen für die Entstehungen eines Tideauwalds heran, also an die Bedingungen für die fast ganz verschwundene, gebietsheimische Vegetationsform der gesamten Elbinsel.

Deshalb lag es für mich nahe, im Peutegrund zunächst Pflanzen- und Tiere zu erfassen und Fotos und Filmaufnahmen der gefundenen Spezies zu machen. Ich beschaffte mir den Erhebungsbogen zur Biotopkartierung Hamburg der Umweltbehörde. Die letzte Erhebung stammte von 2003 und erfasste nur die Pflanzen und die Habitattypen, sodass wir sehen wollten, was sich hier seitdem entwickelt hatte. Ich machte Begehungen mit dem Ornithologen Günther Rupnow vom NABU [Naturschutzbund Deutschland e.V.]. Mit dem Entomologen Frank Röbbelen suchten wir nach Schmetterlingen und Heuschrecken, Andromeda v. Prondzinski kartierte die Vegetation, und mit Harald Köpke untersuchten wir Wassertiere.

Ich filmte und machte Interviews mit Anwohnern. Und ich setzte mich mit der HPA auseinander. Mein Projekt fand ja im Rahmen der Internationalen Bauausstellung, also im Rahmen eines Stadtentwicklungsprogramms statt. Und die Eigentümerin des Geländes, die HPA, als Nachfolgerin der Behörde Strom und Hafenbau, ist ebenfalls städtisch. Deshalb wollte ich mit der HPA direkt in Kontakt treten und von ihr das Kartieren, Filmen und Knöterich-Roden im Peutegrund genehmigen lassen. Die Genehmigung wurde mit Hinweis auf die Klassifizierung der Fläche als „Altlastverdachtsfläche“ abgelehnt. Trotzdem machte ich meine Aktionen. Daraufhin wollte mich die HPA verklagen. Also bin ich zum Pressesprecher der HPA gegangen und habe meinen Film über das Gebiet gezeigt. Dann war Ruhe.

Gerade zur damaligen Zeit hatte die HPA viele wertvolle Biotope im Hafengebiet zerstört. Vor allem an der Rethe, am Blumensandhafen und bei der Hohen Schaar waren wichtige Rückzugsorte für Wasservögel verloren gegangen. Ausgleichsmaßnahmen müssen aus Sicht der HPA außerhalb des Hafens stattfinden, bloß nicht auf dem eigenen Grund, damit man dort immer freie Hand für die Hafenwirtschaft behält. Es gibt bei der HPA eine große Sorge, dass sich auf Hafenflächen, die längere Zeit brachliegen, Biotope entwickeln könnten. Biotope, die mit der Zeit ökologisch so wertvoll werden, dass auf die Flächen zukünftig nicht mehr willkürlich für Hafenzwecke zugriffen werden darf. Um solche Entwicklungen zu verhindern, werden Flächen präventiv versiegelt oder Rasenflächen angelegt.

Vor diesem Hintergrund haben wir – der BUND und Kunst – gemeinsam an der Verbesserung der Artenvielfalt des Peutegrunds gearbeitet, mit dem Ziel, seinen Schutzstatus zu erhalten und damit das Gebiet dem zukünftigen Zugriff durch Hafen oder Stadtentwicklung zu entziehen. Wir haben – als eine Provokation – im Rahmen des Kulturprogramms der Internationalen Bauausstellung einen Eingriff auf diesem HPA-Grund vorgenommen: eine Biotop-Pflegeaktion. Wir haben Knöterich gerodet. Der invasive Japanische Staudenknöterich hatte sich extrem dicht ausgebreitet, und wir haben ihn auf einem kleinen Stück des Peutegrunds gerodet und die Knöterichstangen in der nahe gelegenen Bootshalle von Elisabeth Essen ausgestellt.

Diese Aktion wurde von der HPA als deutliches Signal empfangen. Das Gebiet wurde eingezäunt, und alle zehn Meter wurden Schilder aufgestellt: „Privatgrundstück, betreten verboten, HPA“. Zuvor konnte dort jeder hin und machen, was er wollte, Lkw-Fahrer, Freizeitangler, alle. Aber kaum macht jemand etwas über den Wert des Biotops öffentlich, gehen die Alarmglocken los! Genau um diesen Widerstreit von Interessen ging es mir. Ich fand, dass die Verbotsschilder eigentlich ein Teil meines Projekts waren. Und wie viel Wildnis wünscht man auf der Elbinsel? Und wenn sie dann da ist, was ist sie einem wert? Könnte nicht sogar dieser Deich zum Peutehafen weg? Der ist ja sowieso schon durchlöchert. Da wäre es doch einfach, dem Fluss an dieser Stelle ein kleines bisschen Freiheit zurückzugeben. Dadurch würde natürlich das zerstört, was sich bis jetzt dort entwickelt hat, aber es gäbe richtigen Tideeinfluss.

TK: Der Tideeinfluss würde, denke ich, sehr rasch wieder von allein verschwinden, da der Peutegrund eine Sackgasse ist und die Durchströmung fehlt. Der Fluss würde mehr Sedimente hinein- als hinaustragen. So würde das Gebiet nach der Deichöffnung schnell verlanden und wieder dem heutigen Zustand ähneln.

Das ist im „Referenzbiotop“ Heuckenlock ganz ähnlich. Zwischen Heuckenlock und Elbe liegen weitenteils Deckwerke, Steinböschungen zur Kanalisation des Flusses, aber auch zum Schutz des Heuckenlocks vor der starken Strömung und vor der Gefahr, weggespült zu werden. Mehrere Priele führen in das Naturschutzgebiet hinein, meines Wissens alle als Sackgassen. Beziehungsweise jenem schönen, lang gestreckten Flussarm namens Heuckenlock, den man auf dem öffentlichen Heuckenlock-Pfad überquert, ist an seinem Ostende nur ein äußerst schmaler Rücklauf in die Elbe gestattet, eigentlich nur ein Rinnsal durch eine Minilücke im Deckwerk. Dadurch fehlt die wirkliche Durchströmung des Gebietes mit all den damit verbundenen Veränderlichkeiten und Angriffsmöglichkeiten durch den Fluss. Die Wechselwirkung zwischen Land und Strom ist also kaum gegeben, vom viel gerühmten Süßwasser-Tideauenwald existiert nur ein äußerst kontrolliertes Restchen. Lina Güssefeld*9 hatte als eines der Resultate ihrer Diplomarbeit über die Deckwerke am Heuckenlock – dieses Diplomarbeitsthema war ja durch unser Projekt initiiert – vorgeschlagen, eine größere Durchströmung des Heuckenlocks zu erwägen. Die zuständige Mitarbeiterin des Bezirksamtes und die Stiftung Lebensraum Elbe hörten sich die Vorschläge damals äußerst interessiert an, beschlossen aber dann, an dieser Stelle vorerst nichts zu ändern – meiner Wahrnehmung nach aus Sorge vor unvorhersehbaren Zerstörungskräften der Flussenergie, die das Naturschutzgebiet wegspülen könnte. Und wir wissen ja, wie sehr diese hohe Energie auf die Elbvertiefung für die Containerschifffahrt zurückzuführen ist.

Zurück zum Peutegrund. Sagtest du nicht mal, dass durch dein Kunstprojekt der Peutegrund als schützenswertes Biotop anerkannt wurde?

NP: Das würde ich so nicht behaupten. Erstens hatte das Gebiet schon vor 2008 einen gesetzlichen Schutzstatus, wenn auch den niedrigsten. Aber das Paradoxe war ja gerade, dass sich das Biotop durch die starke Neophytenausbreitung von selbst entwertet und um den Schutzstatus gebracht hätte, wenn dort nicht „gärtnerisch“ eingegriffen worden wäre. Da hat das Kunstprojekt zwar die Sache angestoßen, aber in Zusammenarbeit mit Harald Köpke vom BUND. Drei, vier Jahre später kam es durch seine Initiative tatsächlich dazu, dass die HPA in dem Gebiet zwei weitere kleine Teiche anlegte und den Knöterich beseitigte – ein bisschen großzügiger, als wir das geschafft haben. Und samt Wurzeln.

TK: Ist damit jetzt der Peutegrund als sogenannte Ausgleichsfläche definiert?

NP: Nee, so auch wieder nicht, bloß keinen Präzedenzfall schaffen! Dennoch, die HPA hat Geld investiert für eine ökologische Aufwertungsmaßnahme auf ihrem Gebiet. Das war schon ein Novum. Es wäre interessant, der Sache noch mal nachzugehen und herauszufinden, wie die Verantwortlichen bei der HPA heute dazu stehen.

TK: Darf ich noch hinsichtlich der Knöterich-Beseitigungsaktion nachfragen, die du angezettelt hast? Andromeda v. Prondzinski, die&der dir ja bei der Kartierung des Peutegrunds half, hat für die Freie Flusszone zwei Plakate, eine Postkarte und einen dazugehörigen Text verfasst, der sich gegen die wertende Einteilung in Heimisches und Fremdes, gegen den Begriff der invasiven Art und gegen Vernichtungsaktionen von „nicht heimischen“ Pflanzen wendet. Du kanntest diese Position, trotzdem hast du die Beseitigungsaktion durchgeführt. Warum?

NP: Ja, Andromeda fand’s verkehrt. Aber ich finde es immer interessant, Interventionen und exemplarische Eingriffe ins System zu machen. Daran zeigen sich andere Dinge, als wenn man nur darüber redet oder schreibt oder nur Fotos macht. Eine solche Aktion macht eben auch Konflikte sichtbar. Ich arbeite ja in den Widersprüchen und widerstreitenden Ansprüchen. Wir haben Natur zerstört, um sie zu schützen.

Außerdem bin ich mir gar nicht so im Klaren darüber, ob ich es richtig oder falsch finde, in Naturschutzgebieten Eingriffe vorzunehmen und das zu dezimieren, was man da nicht haben will. Wenn man zusehen muss, wie seltene heimische Pflanzen in einem engen Restbiotop von Neophyten überwuchert werden und dadurch auch bedrohte Tierarten verschwinden – ich kann gut nachvollziehen, dass man auf die Idee kommt, einzugreifen. Frank Röbbelen hat bei seiner Begehung die Besiedlung des Peutegrunds durch die Gestreifte Zartschrecke nachgewiesen. Die heimische Hochstaudenflur, die der Gestreiften Zartschrecke einen Lebensraum bietet, wäre durch den Staudenknöterich verdrängt worden. Der Knöterich hatte es mit kräftiger Unterstützung durch die Armenische Brombeere und die Kanadische Goldrute im Peutegrund schon ganz gut hingekriegt, das Reet und die Hochstaudenflur zu verdrängen und das Gebiet nahezu ganz zu übernehmen. Damit hätte sich das Biotop leider selbst entwertet, was die Artenvielfalt und den Schutzstatus betrifft. Ohne unsere Aktion stünde dort heute vielleicht eine Lagerhalle.

TK: Aber du sprichst ja auch immer wieder von der Idee der „Eigendynamik“ und von „sich selbst entwickelnden Biotopen“. Auch bei Andromeda spielt generell, so glaube ich, die Idee des „Seinlassens“ eine große Rolle. Und im Freie-Flusszone-Projekt erstreckt sich diese Idee nicht allein auf Naturprozesse, sondern aus dem künstlerischen Blick heraus auf sehr viel mehr – eigentlich auf alle Phänomene, die uns umgeben. Für mich spielt der Gedanke eine Rolle, dass in allem – sei es ein Ding oder ein Lebewesen oder einfach nur eine einfache Geste oder Bewegung – etwas steckt, das um seiner selbst willen da ist und darum „sein gelassen“ werden könnte. Das kann ich nicht gut näher beschreiben, nicht als eine konsequent aufschlüsselbare Denk- oder Handlungsweise, sondern mehr als eine Haltung oder als ein Verhältnis. Etwas um seiner selbst willen zu tun und zu bestaunen ist ein wesentlicher Aspekt der Kunst. Insofern ist das Freie-Flusszone-Projekt kein Naturschutzvorhaben – obwohl es sich an vielen Stellen eng mit dessen Anliegen zusammentut –, sondern es ist eher eine künstlerische Projektion auf eine Landschaft mit ihren sehr vielen unterschiedlichen Phänomenen.

NP: Wieso hast du ausgerechnet die Süderelbe dafür gewählt?

TK: Der Impuls war tatsächlich dieser eigenartige Widerspruch zwischen der Existenz des Süßwasser-Tideauenwalds und dessen gleichzeitige rigorose Verhinderung durch die Art und Weise des Flussbaus mit seiner Gradlinigkeit und seinen Steinwandungen. Die totale Einordnung des gesamten Gebietes in die Funktionalisierung des Flusses als Verkehrsweg und Wasserabfluss. Das Feste und das Flüssige, das Statische und die andauernde Veränderung stoßen an der Süderelbe hart aufeinander. Beides ist jeweils in deutlicher Form vorhanden. Das ist eine sehr besondere Situation und war der Anstoß, das Gebiet als Modellgebiet zu nehmen und es auch über die Ufer hinaus sehr viel näher anzusehen.

In deiner Kunst sehe ich die Methode, dass du Themen, an denen sich große gesellschaftliche Debatten entzünden (etwa ein Thema wie das Müllrecycling), und ihre Regularien und Symbole (etwa das Duale System mit dem Grünen Punkt) aufgreifst und dich zu deren Ober-ober-Anwältin machst und sie intensiv durchspielst.*10

NP: Und vor allem ernst nehme!

TK: Als Spiel total ernst nimmst.

NP: Ja, ich mache mich spielerisch zur Anwältin der Natur und nehme die Regeln und Gesetzte sehr ernst und arbeite mich an ihnen ab. Da sind zum Beispiel Umweltverträglichkeits- und Machbarkeitsstudien, Ökobilanzen, die Regeln des Biotopschutzes, die Bestimmung des Biotopstatus und all die Möglichkeiten, die damit verbunden sind, wie zum Beispiel die, Beschwerde bei der EU einzureichen. Alle, einschließlich der Politiker, der Stadtentwickler und der HPA, alle behaupten, dass ihnen Umweltschutz wahnsinnig wichtig ist. Und was ist denn, wenn man es wirklich ernst meint? So gehe ich vor. Und wenn ich dann durch diese spielerische Einnahme der hundertprozentigen Naturschutzperspektive auf Fragen, Widersprüche und Grenzen stoße und in Teufels Küche komme, dann wird’s spannend, dann werden die Widersprüche der Reden und Absichtserklärungen sichtbar. Was bedeutet das? Was sind die Konsequenzen? In welchem Widerspruch befindet man sich grundsätzlich als Mensch, wenn man die Natur erhalten, schützen oder wiederherstellen will?

Bei allem Spiel ist allerdings der Naturschutz für mich wirklich eine Motivation und ein großes Anliegen. Er hat in meiner Arbeit Priorität vor anderen Themen. Aber die spielerische Einnahme des Themas ist wichtig, weil sie erlaubt, viel tiefer in die Gesamtproblematik einzusteigen. Gerade lese ich das Buch Homo Ludens – Vom Ursprung der Kultur im Spiel von Johan Huizinga aus den 1930ern. Er erklärt unsere gesamten Kulturleistungen aus dem Spiel heraus und das Spiel wiederum als etwas, das in einem sportlichen Wettstreit stattfindet, der ursprünglich auch einen sakralen Charakter hatte. Sämtliche Bereiche, die wir als Kultur bezeichnen, hätten ihren Ursprung im Spiel, hätten sich dann aber sehr stark davon entfernt. Zumindest denkt heute keiner mehr, dass beispielsweise eine Gerichtsverhandlung oder eine Großbaustelle ein Spiel sei oder einen spielerischen Aspekt habe. In der Kunst seiner Zeit kann Huizinga das nicht mehr feststellen, er sieht sie mehr als gesellschaftliches Spiel von Kennern und Nichtkennern. So wie ich Kunst auffasse, kann ich den Ursprung im Spiel erfahrbar machen.

Bedingung ist: Das Spiel muss einen abgesteckten Rahmen haben, der klar definiert ist und in dem dieses Spiel stattfindet, herausgehoben aus dem Alltag und seinen Notwendigkeiten. Wie ein Schachbrett, ein Fußballfeld oder eben wie das Kunstfeld. Das Kunstfeld ist eine Spielwiese, es hat etwas Unernstes, hat eigene Gesetze. Und diese Gesetze sind wiederum ganz ernst zu nehmen, sonst macht es nämlich keinen Spaß. Wenn ich zum Beispiel Schach spiele und der eine sagt, sein Springer könne, was eine Dame kann, dann ist er ein Spielverderber, und es macht keinen Spaß, mit ihm zu spielen. Bei der Kunst ist es nur viel schwerer zu erklären, was die Regeln sind. Aber es gibt Regeln. Wir haben ja genaue Vorstellungen davon, was Kunst ist und was keine Kunst ist.

TK: Ja, die Regeln sind in der Kunst unglaublich präsent und trotzdem so schwer beschreibbar. Gleichzeitig wehren wir uns die ganze Zeit gegen die Regeln, werfen sie über den Haufen und halten uns wiederum an sie.

NP: Und es gibt einen Wettstreit. Da ist dieser Ehrgeiz: „Ich finde jetzt das richtige Bild!“ Da ist ein Wettstreit mit sich selbst und mit den Kollegen. Natürlich gibt es auch den Kunstmarkt. Der ist ein eigenes Spielfeld, und da ist ganz klar, wer da vorne ist und wer nicht. Und ich bin da nirgends, quasi nicht vorhanden. Den Wettstreit auf diesem Feld habe ich bisher nie gesucht. Allerdings fehlt dem Kunstmarkt eine wesentliche Bedingung für den Spielcharakter, nämlich die, dass das Spiel seinen Zweck in sich selbst hat. Hier steht der merkantile Zweck im Vordergrund. Das Primat des Kommerziellen zerstört hier den Spielcharakter der Kunst. Es gibt aber noch den anderen Wettstreit, den ich da durchaus sehe, nämlich: Wie kann ich etwas Interessantes zu dem Ganzen hinzufügen oder es sogar vielleicht erweitern? Also, auf diesem Ideenmarkt sehe ich mich und fühle mich dort herausgefordert. Es ist ein ideeller Wettstreit, im Idealfall reiner Selbstzweck.

TK: Du hast über den abgrenzenden Rahmen, über die Wichtigkeit der Spielfeldgrenzen gesprochen. Wie sieht das im Fall des Peutegrunds oder der Freien Flusszone aus? Du nimmst Naturschutz und dessen Regeln total ernst, aber als Spiel. Und gleichzeitig mischt sich deine Tätigkeit mit der von den BUND- und NABU-Naturschützern. Sogar du selbst bist im Herzen als Naturschützerin dabei, nicht nur als Künstlerin. Das trifft sich und vermengt sich. So kommen in unsere Kunstprojekte andere Anliegen und Wünsche mit hinein, andere Spiele, Bezüge und Zwecke. Damit wird die Spielfeldgrenze unklar, vielleicht durchlöchert.

NP: Ja. Ich finde diese Frage immer sehr schwer. Was ist denn da Kunst, wo sind die Grenzen der Kunst? Geht’s da nicht nur um Umwelt? Viele Kunst macht es sich zur Hauptaufgabe, die Bedingungen der Kunst zu erkunden. Das tue ich nicht. Ich weiß natürlich, dass ich das auch tue, indem ich das tue, was ich tue. Durch meine Kunst berühre ich ständig diese Fragen und verschiebe die Grenzen. Aber ich mache sie nicht zum Thema.

Mir hilft dieser Gedanke des Spiels. Denn zum Spiel kommt die Freiheit. Innerhalb der Regeln ist Freiheit. In der antiken Tragödie gibt es ja die Maske des Schauspielers. Meine Maske ist die, dass ich mich in lauter kunstfremde Themen relativ weit reinwühle. Wenn ich gerade fit bin, kann ich in diesen Themen und mit den richtigen Fachtermini so gut reden, dass alle denken, ich sei beispielsweise Biologin. Ich kann dann so reden, als wäre ich eine, bin es aber nicht. Und das ist wie eine Maske, die ich mir aufsetze, als wenn ich klassisches Theater spielte. Durch die Maske habe ich die nötige Freiheit, kann gewagte Spielzüge vornehmen oder die Spielzüge des Naturschutzes mit denen der Kunst verlängern und umgekehrt. Im Unernst des künstlerischen Spiels kann ich die ernsten Themen sehr frei und weitreichend bewegen.

Auch mit der Freien Flusszone steckst du ein künstliches Spielfeld ab, aber ein ganz konkretes: einen Teil der Stadt Hamburg und einen Zipfel Niedersachsens, ein ziemlich großes Gebiet. Das gibt es wirklich, aber als etwas Hypothetisches, als Kunstfeld. Und darin kann jetzt alles Mögliche passieren, nach Kunstregeln. Es geht um etwas ganz Konkretes und darin um Freiheit.


*1 Heuckenlock: ein Areal mit Naturschutzstatus im Gebiet der Freien Flusszone. Siehe dazu Lina Güssefelds und Michael Strucks sowie Jacqueline Neubeckers Beiträge in diesem Buch.
*2 Ravi Agarwal und Katja Lell: siehe deren Beiträge und Interviews in diesem Buch. Friedericke Richter leitete lange Zeit die Freie-Flusszone-Plakatierung, von ihr stammen viele Fotos in diesem Buch, und sie unterstützte das Projekt in vielfältiger Weise.
*3 Siehe Fußnote 1.
*4 Im Rahmen der Gruppenausstellung Natur als Argument, Kunstverein Bamberg, Stadtgalerie Villa Dessauer, 2019.
*5 Die Entstehungsgeschichte des Heuckenlock-Gebietes ist in diesem Buch sehr viel präziser von Michael Struck beschrieben: Siehe das Kapitel 2.5 in Untersuchungen zur Dynamik an der Uferbefestigung der Süderelbe entlang des Naturschutzgebiets Heuckenlock.
*6 Siehe das Kapitel Die Karte 1:5000 Neuland-Ost in diesem Buch.
*7 Siehe das Buch: Anke Haarmann und Harald Lemke (Hg.), Kultur/Natur: Kunst und Philosophie im Kontext der Stadtentwicklung, Jovis Verlag, Berlin 2009.
*8 HPA: Hamburg Port Authority, Anstalt öffentlichen Rechts, Nachfolgerin von Strom und Hafenbau, der ehemaligen Hamburger Hafenbehörde.
*9 Lina Güssefeld (Friel), Geografin, arbeitet von 2012 bis 2013 maßgeblich an dem Projekt Freie Flusszone mit. Siehe auch ihren Beitrag zu diesem Buch.
*10 Siehe dazu die Internetseite www.nanapetzet.de, außerdem die Bücher: Nana Petzet, Sammeln Bewahren Forschen. Das SBF-System 1995–2001, hg. v. Künstlerstätte Schloss Bleckede, Salon Verlag, Köln 2001; Nana Petzet, System SBF. Inventarisierung der Sammlung. Metainventur, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2003.


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